Es ist Freitag Nachmittag. Mein Saugroboter verlässt seine Station und fängt an den Boden in auf und abwärtsbahnen zu saugen, danach wird er wieder zur seiner Station fahren, um die Wischpads zu befeuchten und danach alles zu wischen.
Es klingelt.
Der Lieferdienst für Lebensmittel steht vor der Tür und reicht mir die Tüten mit frischen Lebensmitteln und ich sehe, dass der Paketzusteller auch schon da war. Ich habe mir eine neues Gesichtsöl bestellt, da in meinem aktuellen nur noch wenige Tropfen enthalten sind. Nachdem die Lebensmittel in den Kühl- und Vorratsschrank eingeräumt sind, fülle ich meine Wasserflasche am Wasserhahn mit gefiltertem Wasser auf und setze mich auf die Terasse.
Ich höre ein Zischen.
Die automatische Tropfbewässerung fängt an, da es die letzten Tage nicht so viel geregnet hat und ich kann den Mähroboter beobachten, wie er seine Bahnen auf dem Rasen zieht.
Müsste ich die Dinge alle selber machen, also Einkaufen, Rasen mähen, gießen, Saugen und Wischen, dann wäre ich damit wohl mehrere Stunden beschäftigt. Doch was mach ich nun stattdessen?
Theoretisch müsste ich ganz viel Zeit haben. Während der Saugroboter sich um den Boden kümmert, schreibe ich noch ein paar Mails. Während die Lebensmittel geliefert werden, sehe ich noch was im Handy nach. Langeweile? Fehlanzeige. Stattdessen muss ich mich noch aufraffen für den Sport. Und die 10.000 Schritte. 20 bewusste Atemzüge. Aber heute mache ich (wie so oft) eine Ausnahme. Denn ich fühle mich müde und ausgelaugt.
Also setzte ich mich aufs Sofa, bestelle mir eine Pizza (hey, das spart auch Zeit!) und scrolle durch‘s Handy. Mal sehen, was die anderen Menschen so treiben. Vielleicht finde ich noch ein paar interessante Rezepte, die ich nach kochen kann, wenn ich mich danach fühle.
Ich lege mein Handy weg. Wann habe ich heute einfach mal ein paar Minuten meine Gedanken schweifen lassen? Beim Putzen habe ich einen Podcast über Longevity gehört, beim Zähneputzen schonmal über den Spiegel gewischt und beim Telefonieren parallel eine schnelle E-Mail geschrieben.
Wir haben heutzutage viele Möglichkeiten, Aufgaben zu automatisieren oder zumindest effizienter gestalten. Gleichzeitig füllen wir die gewonnene Zeit aber häufig nicht, mit Entspannung und Monotasking, sondern verlieren und beispielsweise dadrin, 2 Stunden nach DER perfekten Gesichtscreme zu googeln. Oder den perfekten Sportplan mit der KI festzulegen. Die Rezepte zu optimieren, damit sie noch gesünder sind und mehr Proteine enthalten, nur um dann regelmäßig zu Schokolade & Pizza zu greifen, da das Verlangen so groß ist.
Und dann fühlt es sich an, wie eine Niederlage. Einfach mal 10 Minuten nichts tun, wie geht das überhaupt? Dafür habe ich doch gar keine Zeit, meine To-Do-Liste hat noch 68 unerledigte Aufgaben, also nur die Private versteht sich. Die Gedanken haben nie wirklich Zeit zu kreisen, außer wenn ich versuche einzuschlafen. Deswegen brauche ich oft auch sehr lange, wälze mich hin und her, um dann nächsten Tag aufzustehen, als ob ich die Nacht durchgefeiert hätte.
Wenn ich mich mit Freunden unterhalte, oft das gleiche Bild „Wann soll ich denn noch Sport machen, dafür habe ich keine Zeit.“, „Gesund kochen? Das schaffe ich meistens nicht“. Egal mit wem ich rede, alle sind gestresst, fühlen sich mental voll. Eigentlich müssten wir aber doch das Gegenteil sein? In welcher Zeit, konnte man so viel automatisieren? So viel Wissen einfach finden, ohne in die Bücherei zu müssen? Sich auszutauschen, ohne sich in Präsenz zu treffen. Stattdessen haben wir verlernt, die Ruhe auszuhalten. Einfach mal nur Kochen, ohne nebenbei einen Podcast zu hören oder eine Serie zu schauen. In die Natur blicken, ohne dabei am Handy zu sein. Einen Sonnenuntergang genießen, ohne zu versuchen das perfekte Bild davon zu schießen.
Jede Wartezeit wird direkt mit dem Handy überbrückt. Vielleicht finden wir noch ein Reel, was wir nicht gesehen und absolut wichtig ist. (Spoiler: Das passiert nicht!) Wenn man in die Straßen blickt, sieht man viele nur noch mit dem Handy in der Hand, statt die Umgebung um sich herum wahrzunehmen. Aber wie entkommen wir dem Ganzen?
1. Nicht jede freie Minute füllen
Wenn etwas schneller erledigt ist, muss nicht automatisch die nächste Aufgabe folgen. Lass bewusst kleine Lücken entstehen, 15 Minuten auf der Terrasse sitzen, einen Kaffee trinken, aus dem Fenster schauen oder einfach nichts tun.
2. Nicht alles optimieren
Nur weil etwas schneller geht, muss es nicht immer die beste Lösung sein. Manchmal ist es schön, selbst zum Supermarkt zu gehen, Gemüse zu schneiden oder den Garten zu gießen. Nicht jede Tätigkeit ist nur eine lästige Aufgabe, die möglichst schnell verschwinden muss.
3. Automatisierung nicht mit Zeitgewinn verwechseln
Der Saugroboter spart mir Zeit. Die automatische Bewässerung auch. Der Mähroboter ebenfalls. Aber die entscheidende Frage ist:
Was mache ich mit der Zeit, die sie mir schenken?
Wenn die Antwort immer „noch mehr arbeiten, scrollen oder erledigen“ lautet, haben wir zwar unsere Aufgaben reduziert, aber nicht unsere Geschwindigkeit.
4. Bewusst „nichts“ auf die To-Do-Liste setzen
Vielleicht brauchen wir nicht noch bessere Zeitmanagement-Apps, sondern mehr Momente, die nicht optimiert werden können.
Zum Beispiel:
- 20 Minuten ohne Handy auf der Terrasse
- ein Spaziergang ohne Podcast
- morgens langsam frühstücken
- abends nichts mehr „schnell erledigen“
- am Wochenende einen Nachmittag ohne Pläne
5. Eine Sache am Tag absichtlich langsam machen
Du musst dein gesamtes Leben nicht auf Slow Living umstellen. Such dir einfach eine alltägliche Sache aus und mach sie langsamer.
Kaffee trinken. Duschen. Kochen. Spazieren. Essen.
Nicht nebenbei Nachrichten lesen. Nicht gleichzeitig E-Mails beantworten. Nicht schon überlegen, was danach kommt. Einfach nur diese eine Sache.
Vielleicht geht es beim Slow Living deshalb gar nicht darum, weniger zu besitzen, weniger Technik zu nutzen oder wieder alles selbst zu machen. Vielleicht geht es vielmehr darum, die Zeit, die wir uns durch all diese Dinge zurückholen, nicht sofort wieder zu verplanen.
Vielleicht ist die größte Form von Luxus heute nicht, Zeit zu sparen, sondern Zeit übrig zu haben.
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